Was ich euch sagen möchte…

Ihr seht mich an, fragend, mit einem gewissen Hauch von Neugier, die sich gleichzeitig mit fast kindlicher Naivität mischt.

„Hat das wehgetan?“, fragt ihr und manchmal, ganz selten, glaube ich, dass ihr diese Frage tatsächlich ernst meint. „Hat das wehgetan?“ fragt ihr, während ihr euer Blick über meine bunte Haut streift. „Hat das wehgetan?“ fragt ihr ohne euch selbst zu hinterfragen. Ich habe kaum Kraft zu antworten. Zu mühsam ist das Kommunikationsspiel, das ich seit jeher perfektioniert habe. Zu stumpfsinnig erscheinen mir die möglichen Gesprächsverläufe. „Ja“, kommt es aus mir heraus. Nicht mehr, nicht weniger. Dieses Wort scheint euch nicht zu genügen, ihr wollt mehr. Mehr Informationen, nach denen ihr nicht gefragt habt. Mehr Details, die euch eigentlich nicht interessieren. Ich möchte euch sagen, dass Schmerzempfinden subjektiv ist, unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Ich möchte euch sagen, dass jedes Hautbild dennoch eine gewisse Form von Schmerz verursacht. Ich möchte euch sagen, dass ihr auf diese Frage von jedem Menschen eine andere Antwort bekommt und dass jede Antwort richtig ist.

Ihr seht mich an, stirnrunzelnd, ihr mustert mich kritisch mit eurem Scanner-Blick. „Und was ist, wenn du alt bist?“, fragt ihr und manchmal, ganz selten, glaube ich, dass ihr auf diese Frage eine ernsthafte Antwort erwartet. „Und was ist, wenn du alt bist?“ fragt ihr und stellt euch meinen runzligen und eingefallenen Körper vor. Ich stelle mir vor, wie ihr euch selbst diese Frage stellt und eure Körperbilder hinterfragt. „Und was ist, wenn du alt bist?“ fragt ihr mit der gedanklichen Vorannahme, dass ich all meine Entscheidungen im Alter bereuen werde. „Dann bin ich alt. Und bunt“, antworte ich mit wenig Enthusiasmus. Vielleicht zu Unrecht, zu oft schon habe ich diese Frage über mich ergehen lassen. Ich möchte euch sagen, dass Haut nun mal altert, egal ob mit oder ohne Bild. Ich möchte euch sagen, dass mein Körperschmuck nicht mit meiner Jugendlichkeit verknüpft ist. Ich möchte euch sagen, dass junge untätowierte, junge tätowierte, alte untätowierte und junge tätowierte Menschen allesamt schön und eure etwaigen Sorgen völlig unbegründet sind.

Ihr seht mich an, erwartungsvoll, auf eine spannende Geschichte wartend. „Welche Bedeutung hat das?“, fragt ihr und manchmal, ganz selten würde ich darauf sogar näher eingehen. „Welche Bedeutung hat das?“, fragt ihr und vermutet es hat irgendetwas mit Familie, Geburt, Tod oder anderen, einschneidenden Erlebnissen zu tun. „Welche Bedeutung hat das?“ fragt ihr in der Hoffnung, dass ich euch mein tiefstes Innerstes offenbare. „Keine“, antworte ich und blicke in fragende Gesichter. Ihr scheint diese Antwort nicht zu verstehen können. Ich möchte euch sagen, dass die Bilder Kunstwerke für mich sind, mit denen ich meinen Körper schmücke. Ich möchte euch sagen, dass Einigem davon schon eine Bedeutung zukommt, diese aber für eine andere Gesprächssituation geeignet ist. Ich möchte euch sagen, dass die Bilder Handwerk, Ästhetik, Persönlichkeit und Vorstellungskraft vereinen und dass dies für sich selbst spricht.

Vielleicht ist es Unwissenheit. Vielleicht ist es ehrliches Interesse. Vielleicht sind es Vorurteile. Vielleicht sind es Nachforschungen. Egal, was es ist: Unser Frage-Antwort-Spiel braucht neue Regeln. Ihr beweist Feingefühl. Ich beweise Verständnis. Ihr übt euch in Nachsicht. Ich übe mich in Durchhaltevermögen. Ihr liefert ehrliches Interesse. Ich liefere ehrliche Inhalte. Was ich euch sagen möchte: Das kriegen wir hin.

Titelbild: Anne Marthe Widvey


Über unsere Gastbloggerin Saskia:

Saskia hat das Schreiben im Blut und tobt sich hauptberuflich, nebenher und hobbymäßig damit aus. Sie sieht sich als Tattoo-Enthusiast, der Körperkunstwerke in Traditional, Neotraditional und Blackwork sammelt. Sollte mal etwas schiefgehen, schaut sie sich einfach ein Faultiervideo an – das hilft.

Ihren eigenen Blog „The Girl Above“ findet ihr übrigens genau hier.

 

1 Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.