„NOCH EINS???“ – Meine Tattoos, das Heimatdorf und die Reaktionen der lieben Familie

Spulen wir mal 20 Jahre zurück in die 90er, als die ersten Steiß-Tattoos (aka Arschgeweihe) das Sonnenlicht erblickten.

Chinesische Zeichen poppten hier und da auf, Rosen, Blümchen-Ketten, Tribals und Schmetterlinge. Das ist ungefähr eine kleine Zusammenfassung der Körperkunst die meine ältere Cousine trägt.
Alle fanden es toll – ich habe nie Negatives in meiner Sippe darüber gehört.
Also dachte ich, Tattoos sind in der Finger-Familie okay, als ich mir zum 21. Geburtstag ein nettes Rückentattoo geschenkt habe.

Natürlich habe ich das niemandem erzählt, außer der Freundin die zum Händchen halten mitkommen musste.
Rittlinks auf den Stuhl und los ging die brummende Pieksparty. Es dauerte keine 5 Minuten, da meldete sich Väterchen Kreislauf und ich war stolzer Besitzer eines blutigen Sternchenabdrucks auf dem Papier der Liege. Das Ergebnis war dieses:

Tattoo Svenja1Da ich es weder meiner Family noch meinen anderen Freunden am Telefon erzählen wollte, dass ich nun tätowiert bin, wartete ich 2 Wochen ab bis zum Schützenfest in meinem Heimatdorf.

Ich glaube der genaue Wortlaut meines Vaters war: „TOCHTER! Musste das denn sein? Und dann noch so groß! Das bleibt aber das einzige“!
Meine Mutter findet es okay, denke ich, sie hat da keine Meinung zu. Meine große Schwester findet sowieso alles cool was ihre kleine Schwester in der großen Stadt so treibt.

Für mich war das Thema durch, man vergisst ja auch sehr schnell, dass ein Sternchen oberhalb des T-Shirt-Kragens raus guckt und los ging es zum Schützenplatz in meinem katholischen Dorf.
Ich weiß nicht wie oft mir an dem Abend das T-Shirt am Kragen zurück gezogen worden ist.
„Ist das echt?“
„Tat das weh?“
„Was bedeutet das und warum hast du das?“

Naja, man hat Tattoos um sie zu zeigen, aber nicht so und nicht mit Strangulation durch den T-Shirt Kragen.

Meine Tante sagte ein paar Tage später zu mir, dass ich so niemals in einem rückenfreien Kleid in der Kirche heiraten könnte. Ich bin zwar der Meinung, dass der Herrgott beim Tätowieren zugeguckt hat, da stört es ihn auch nicht, dass ich damit in die Kirche gehe, was will er schon machen? Mir Beinchen stellen?Tattoo Svenja

2 Jahre, viele ungefragte T-Shirt runter- oder hochreiß-Situationen später, ließ ich mir das Kleeblatt am Oberarm/ Innenseite tätowieren. Natürlich wieder ohne es anzukündigen.

Reaktion meines Vaters: „NOCH EINS? DAS IST JETZT ABER WIRKLICH DAS LETZTE!“ Es folgte eine Reihe von Hautkrebsvorträgen, gefällt im Alter nicht mehr & die Farbe wandert zum Herz und bringt dich um – Reden.
Sein Blick auf die Schandtaten auf meiner Haut war Enttäuschung und Angst. Bestimmt hat er sich schon das ein oder andere Mal gefragt, was er bei meiner Erziehung falsch gemacht hat. Für ihn gehören Tattoos immer noch zu Ex-Knackis, Piraten und Bösewichten.

Im letzten Jahr ließ ich mir mein Sternzeichen auf den Unterarm tätowieren. Eine sichtbare Stelle. UM GOTTES WILLEN. Meine Familie sah das Tattoo zum ersten mal auf der Hochzeit eines Cousins…und fanden es toll. Mein Vater? Der hat den Abend kaum mit mir geredet. Gucken und Kopfschütteln, mehr Reaktion gab es von ihm nicht.

Tattoo Svenja4Als dann im Herbst noch das Armband dazu kam und ich es meiner Familie an Weihnachten präsentierte mit dem Satz: „An Weihnachten soll man doch verzeihen und seine Lieben einfach lieben.“ wussten meine Eltern sofort was los war. Ich setzte noch einen drauf und meinte nur „Freundet euch mit dem Gedanken an, das der Arm irgendwann voll ist“, schaltete sich auch zum ersten Mal meine Mutter ein: „NEIN, JETZT MUSS ICH AUCH MAL WAS DAZU SAGEN, ALSO DEN ARM MACHST DU NICHT VOLL!“
Ich murmelte ein: „Dann nur den halben Arm.“ leerte das Glas Wein und spielte weiter mit meinen Nichten.

Sie haben sich dran gewöhnt, denke ich. Dass nicht beide Töchter ‚Mann, Kinder, Haus, Apfelbaum‘ spielen, hätte ihnen spätestens dann klar sein müssen, als ich Dorfflucht begann.

Und die restlichen Mitmenschen? Die gucken hin und wieder doof. Entweder aus der Ferne oder reißen ungefragt an der Kleidung rum, wenn irgendwo ein schwarzer Farbfleck zu sehen ist.

Tattoo Svenja3„Ist das echt?“ Ist wohl die meist gestellte Frage.

„Nein, Klebetattoo aus der Bravo.“ sage ich dann wieder.

Tätowierte gehören zu unserer heutigen Gesellschaft wie Veganer und Craft-Bier-Trinker (oft in ein und derselben Person).

Man muss sie nicht mögen, aber man sollte sie dulden.
Dass viele im Job ihre Tattoos noch verstecken müssen um ernst genommen zu werden ist traurig. Ich bin dankbar, dass meine Chefs (nach einmal T-Shirt-Kragen-ziehen) nichts dagegen haben und sich sogar positiv darüber äußern.

Abschließend möchte ich sagen, dass wir Tätowierten unsere Tattoos gerne zeigen – wenn WIR sie zeigen. Ungefragtes Angegrabbel ist und bleibt unangenehm und doofe Kommentare wie „Wenn du 40 bist gefällt dir das sicherlich nicht mehr und wenn du 60 bist wird es an der schlappen Haut schrecklich aussehen“ kann man sich gerne verkneifen.
Und sollte es so sein, ist es unser Problem und wir werden im Altenheim nebeneinander sitzen und in unseren Falten unsere Tattoos suchen und mit Freude sagen: „Das war mal ein Einhorn!“

Ach ja, meine Oma hat übrigens noch nie gemeckert. Vielleicht denkt sie wirklich, dass es ein Abziehtattoo ist.

Titelbild: Justin LaBerge


 

Über unsere Gastbloggerin Svenja:

svenja


Wenn man Svenja fragt, wie sie sich in einem Wort beschreibt, ist „laut“ die Antwort. Hauptberuflich kümmert sie sich als Feel Good Managerin um das Wohlbefinden ihrer 150 Kollegen und kann so ihre Extrovertiertheit sehr gut ausleben. Ihre Tattoos malt sie selbst vor und lässt sie sich dann ‚in schön‘ unter die Haut bringen.
Ihren eigenen Blog „FingerWerk“ findet ihr übrigens genau hier (www.fingerwerk.net). Dort bloggt sie über alles worüber sie im Leben stolpert.

6 Comments

  • Thuy sagt:

    Ohhh, das sind ja unsägliche Reaktionen!

    Ich habe aus „Angst“ vor der Reaktion meiner Eltern mein erstes Tattoo (Schulterblatt) ein Jahr lang versteckt. Als es schließlich „rauskam“ (aka vergessen, das Jäckchen über zu ziehen), gab es eigentlich keine Reaktion.

    Nun hab ich beide Oberarme von außen zu, und arbeite an einem halben und einem ganzen Sleeve – da wird also noch mehr kommen. Meine neuen Werke habe ich bei meiner Geburtstagsfeier vorgestellt… Mama meinte nur, obs nicht weh getan hat? Und hat im Gespräch später mit meinem Bruder, der auch über ein 3/4 Sleeve nachdenkt, geäußert, dass sie das nicht mag. Bei mir hatte sie nichts gesagt… vielleicht hat sie bei mir schon aufgegeben, haha.

    Ich freue mich auch schon darauf, im Alter mit anderen tätowierten Omis und Opis mich über unsere Werke auszutauschen. Das wird toll!

    Angegrabbelt wurde ich zum Glück noch nie.

    Ganz toller Artikel von Svenja! Auch wenn ich sie etwas um die Reaktionen bemitleide.

  • Karen sagt:

    „Tätowierte gehören zu unserer heutigen Gesellschaft wie Veganer und Craft-Bier-Trinker (oft in ein und derselben Person).“ 😂 😂 😂 Sehr schön gesagt.

  • Cora sagt:

    Wunderbar humorvoll geschrieben.Ich glaube, mehr oder weniger findet sich jeder Tätowierte in derartigen Situationen wieder und gerade weil sie so unangenehm und nervtötend sind, sollte man sie mit genauso viel Witz nehmen. Tatsächlich hab ich mit meinen Eltern keine Probleme, da ich meinem Vater mehr oder weniger ins Tattoo-studio gefolgt bin. Und als ich selber mit dem Lernen dieses Handwerks begonnen habe, äußerte auch meine Mutter einen Tattoo-Wunsch, was für mich den Super-GAU darstellt. Probleme hatte ich vor allem mit Freunden und Bekannten, die nicht nur mit Angrabschen, Vorurteilen und -meiner Meinung nach- dämlichen Fragen (wie „Tat das weh?“) ankamen, sondern auch der Meinung waren, mir erzählen zu müssen, was richtig für mich und meinen Körper ist und was nicht.

    Ich persönlich kann den Bedenken und Ängsten so vieler Menschen nicht folgen. Dass es im Alter nicht mehr schön aussieht ist kein Grund es nicht zu machen. Ganz im Gegenteil, Tattoos sind Erinnerungen und es spielt keine Rolle, wie sie sich verändern. Ich hab vor einiger Zeit ein Foto mit drei alten Herren gesehen, die übersät waren mit kunstvollen Tattoos, die durch die faltige Haut kaum noch zu erkennen waren. Aber meine Reaktion war einfach nur Begeisterung. Diese Männer haben etwas erlebt, gewagt und waren einfach nur sie selbst. Ihre Körper erzählten ihre Geschichte. Nichts ist von Dauer, genauso wenig wie das, was die Gesellschaft als schön und perfekt ansieht. Schönheit besteht mehr als nur aus dem Schönheitsideal, dass man uns eintrichtert.
    Genauso, wie ich mich freue, wenn Omas und Opas von vergangene Zeiten erzählen, wird man mir hoffentlich eines Tages zuhören, wenn ich meine Erzählungen mit alten Tattoos unterstreiche.

  • Nele sagt:

    „Tat das nicht weh?“ ist bei mir erstaunlicherweise die häufigere Frage als „Ist das echt?“ :-)

    Gefolgt von „Und was machst du, wenn dir das mal nicht mehr gefällt?“ – worauf ich immer antworte „Dann hab ich wohl Pech gehabt“, weil was soll ich groß sagen? 100% auszuschließen ist es nicht, da will ich nicht auf „Wird es aber“ beharren und das beantwortet schließlich auch die Frage nicht. ;-) Ehrlich gesagt sind die meisten ganz verblüfft, wenn ich einfach sage, dass das dann wohl so ist und ich damit leben muss. Eigentlich ist so eine Frage ja keine Frage, sondern eine Wertung, finde ich: „Ich finde das doof und kann mir das nicht vorstellen, aber das ist ja unhöflich zu sagen, also frage ich einfach und stelle mich doof.“

    Ich habe erst ein Tattoo (dafür ein großes), und plane schon die nächsten… Mal sehen, was meine Eltern dazu sagen werden. Mein Papa hat sich noch nicht mal ganz an dieses gewöhnt. Aber da müssen sie wohl durch. ;-)

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