„Darf ich mal?“ – Ein Kommentar über Sexismus & Tattoos

Als ich ein Kind war, habe ich mir das Jahr 2016 anders vorgestellt: Fliegende Autos, Flüge ins Weltall für jedermann, ja sogar Beamen hielt ich für möglich. Was ich damals nicht gedacht habe: Dass Sexismus auch im 21. Jahrhundert immer noch zum Alltag der meisten von uns gehört.

Ich bin eine tätowierte Frau. Meine Tattoos sind nicht so klein, als könne man sie verstecken. Das möchte ich auch gar nicht. Aber einige Menschen nehmen diese Tatsache zum Anlass, sich unangemessen zu verhalten. Wenn ich es mal milde ausdrücken möchte. Wenn ich mich darüber mit anderen, nicht tätowierten Menschen unterhalte, stoße ich oft auf Unglauben oder Irritation. „Ist doch ein Kompliment, was dir die Menschen machen“, ist eine beliebte Aussage. Wenn mir eine fremde Person auf der Straße sagt, dass sie meine Tattoos schön/interessant/toll findet, ist das natürlich ein Kompliment. Darüber freue ich mich immer wie ein kleines Glücksbärchi. Wenn mich aber jemand von der Seite mit den Worten „Ey du! Deine Tattoos sind voll geil! Zeig mal was du hast!“ anschreit, dann ist das für mich weniger ein Kompliment, als Cat-Calling oder Belästigung.

In solch einer Situation haben sich die meisten Frauen schon gesehen. Das weiß ich, weil ich zum einen mit vielen Freundinnen und Bekannten über das Thema gesprochen habe. Zum anderen, weil es eine derart große mediale Aufmerksamkeit genießt, das es kaum zu überlese, -sehen und -hören ist. Wer als Frau durch die Straßen geht (ohne eine bestimmte Uhr- oder Tageszeit ausmachen zu wollen), hat hohes Potential, sexistische Kommentare seitens der anwesenden oder ebenfalls vorbeilaufenden Männer zu hören. Wie das Ganze übrigens anders herum aussehen würde, zeigt dieses humoristische Filmchen von Buzzfeed:

 

Quelle: www.youtube.com/watch?v=p8uOErVShiE

Was für Männer möglicherweise unbedeutend und witzig erscheint, ist für die betreffende Frau äußerst unangenehm, peinlich und teilweise auch erschütternd. Ich selbst habe nie, wirklich nie über dieses Thema nachgedacht. Bis es mich selbst getroffen hat. Und ich auf einmal gemerkt habe: Huch, das ist ja tatsächlich ein Problem, was nahezu alle Frauen erleben. Seit ich auffällig tätowiert bin, muss ich sagen: Es hat nicht aufgehört. Es ist nicht weniger geworden. Es hat zugenommen. Anfangs war ich mir sicher, dass es nur mein subjektiver Eindruck ist und kein breit gestreutes Phänomen. Unterhaltungen mit anderen tätowierten Frauen haben mich eines Besseren belehrt. Offenbar nehmen es vorwiegend männliche Mitmenschen als Anlass zum Sexismus, wenn sie eine stark tätowierte Frau sehen. Sie adressieren die betreffende Person in einer Form, die schlicht weg unangenehm ist.

(Ich verzichte an dieser Stelle darauf, Kommentare aufzulisten, die ich mir schon anhören durfte. Zeit ist kostbar.)

Tattoos waren früher Symbole für Kriminalität, ein hartes Leben und toughe Kerle. Mittlerweile sind sie gängiges Schönheitsideal. Und doch – hat eine Frau offen sichtbare Tattoos, wird sie schnell als sexuelles Objekt gesehen. Ich habe nichts dagegen, ein sexuelles Objekt zu sein. Wenn ich mir diese Rolle selbst zuschreibe. Und nicht irgendein fremder Halbstarker, der gerade neben mit auf den Bus wartet. Wirken tätowierte Frauen in einer besonderen Form auf Männer? Vor fast 10 Jahren schrieb die Ärzte Zeitung, dass Tattoos eher aggressiv als attraktiv wirken. Anzumerken ist hierbei, dass der Artikel unter dem Stichwort „Hautkrankheiten“ einsortiert wurde. Die Seite „Alltagsforschung“ schrieb vor drei Jahren, dass Tattoos Männer „magisch anziehen würden“. Laut der dort vorgestellten Feldstudie würden sich Männer von körperlichen Merkmalen leiten lassen: „Ein Tattoo am unteren Rücken dient Männern als Hinweis, dass Frauen womöglich empfänglicher sind für sexuelle Avancen – auch wenn sie damit häufig grandios falsch liegen“. Vielleicht ist es diese Assoziation, die Männer anstellen. Vielleicht sind es auch Stereotype, auf die Männer zurückgreifen. Oder es gibt ganz andere Gründe, wieso tätowierte Frauen leicht in die Sex-Schublade gesteckt werden und häufig wegen ihrer Tattoos Cat-Calling erleben.

Ich bin auf diesem Gebiet keine wissenschaftliche Expertin. Ich kann nur von meinen eigenen Erfahrungen und denen meines Bekanntenkreises sprechen. Und die ergeben, dass häufig Annahmen über tätowierte Frauen gemacht werden, die nicht dem entsprechen, was tatsächlich der Fall ist. Dieses Phänomen beschränkt sich natürlich nicht auf Tätowierte. Oder Frauen. Oft denke ich, ein wenig kindliche Unvoreingenommenheit würde uns nicht schaden. Den Menschen zu begegnen, ohne sie direkt mit Einstellungen, Denkweisen und Eigenschaften zu behaften. Dann klappt das mit dem Beamen vielleicht auch bald.


Über unsere Gastbloggerin Saskia:

Processed with VSCO with f2 preset

Saskia hat das Schreiben im Blut und Tinte unter der Haut. Hauptberuflich spricht sie leidenschaftlich gern ins Mikrofon zu anderen Menschen. Ihre Körperkunstwerke hat sie am liebsten in Oldschool, Neotraditional und Dotwork. Wenn sie mal nicht labert, verfasst sie Gedichte, träumt von Einhörnern und schaut Videos von Faultieren an.

Ihren eigenen Blog „The Girl Above“ findet ihr übrigens genau hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.