„My body, my choice!“ – Auch in der Tattoowelt

Als ich mein erstes Tattoo hatte, war das für mich zu Beginn ein großer Teil meiner Identität. Alle Freunde wollten gucken, gefühlte 1000 Mal wurde ich mit meinem eigenen T-Shirt stranguliert, weil jemand meinen Rücken sehen wollte, und ich fand es toll. Weil es meine Freunde waren, weil ich mich in der Aufmerksamkeit gesonnt habe, weil ich mich besonders gefühlt hab und weil ich so stolz darauf war und es so unfassbar schön fand (und immer noch finde).

Dann wurde es normal und ich dachte nicht mehr daran, dass man je nach Schnitt der Kleidung kleinere oder größere Teile des subkutanen Schriftzuges sehen kann. Doch plötzlich wurde ich für die Leute da draußen interessant. Wildfremde sprachen mich an der Ampel an, wie weh das Tätowieren auf der Wirbelsäule tut. Im Getümmel im Club wurde mein Shirt unzählige Male ungefragt hochgehoben. Unbekannte fassten die Schrift ohne meine Erlaubnis, ja sogar ganz ohne ein Gespräch, einfach nur beim Hinter-mir-an-der-Supermarktkasse-stehen, an, um zu fühlen, ob sich der Bereich „anders“ anfühlt. Ich wurde sozusagen Freiwild.

Versteht mich nicht falsch, ich bin immer interessiert am Erfahrungsaustausch auf respektvoller Ebene. Aber eben auch nur dann.

„Mein Körper gehört mir!“ 

Diesen Satz lernt man schon in der Grundschule. Doch dann wird man groß und stellt fest, dass die Anderen sich nicht daran halten.

Erst tut man es ab und denkt „Ist doch nur die Haut anfassen, halb so wild“. Dann bedenkt man all die anzüglichen Kommentare à la „Frauen mit Tattoos sollen im Bett ja besonders wild sein…“/ „Was ich alles mit dieser bunten Haut anstellen würde…“/ „Das Tattoo macht dich locker 100 Mal schärfer!“.

(Zu dem Sexismus hinter den Kommentaren könnte ich ein ganz eigenes Kapitel schreiben, aber halten wir es kurz: Frau. Ist. Kein. Objekt! Egal ob mit Farbe oder ohne, lange, kurze, blaue, grüne, lockige Haare, Kurven, keine Kurven, ein bisschen kurvig, schlank, sehr schlank, kräftig und alles andere.)

Nachher rechnet man all die Kleinigkeiten zusammen und stellt fest, dass beinahe täglich die körperliche Integrität ohne jede Berechtigung schwer beeinträchtigt wird und sich keiner was dabei denkt. Natürlich haben auch Nicht-Tätowierte damit ein Problem, das habe ich als hellblonde, relativ kurvige Frau schon vorher selbst festgestellt. Aber es scheint, als würde durch das Tattoo eine Grenze nichtig bzw. völlig niedergetrampelt.

 Mein Körper als Leinwand? Gerne! Mein Körper als „Objekt“ für andere? Nein, natürlich nicht!

Ich finde es beim Schreiben schwierig, zu vermitteln, dass Bewunderung und Komplimente, die sich auf die Kunst an sich beziehen, sehr gern angenommen werden, aber alles, was mich als Person, als Mensch dahinter ins Vergessen geraten lässt, ein No-Go ist! Denn ich stelle dem Künstler zwar die „Basis“ zur Verfügung, aber mein Körper und ich sind aus offensichtlichen Gründen nun mal nicht separiert zu betrachten!

Auch in einer weltoffenen Gesellschaft im 21. Jahrhundert sind Menschen mit Tätowierungen etwas anders. Ich sage nicht Ausnahmeerscheinung, denn so ist es (zum Glück!) nicht mehr. Aber ein bisschen anders wird man eben behandelt. Das gilt für Leute mit offensichtlicheren Körperbildern sicher noch mehr als für mich, trotzdem merkt man es.

Die Tante, die einen nochmal auf die Unauslöschlichkeit hinweist („Stimmt, aber deine sechs Kinder sind auch ziemlich dauerhaft, nicht wahr?“), die Freundin, die das ja so nicht gemacht hätte, der Kumpel, der einen vorher heiß fand („Warum musstest du deine Haut so verschandeln?“), die Oma, die Nachbarin, der Busfahrer, die Kassiererin, ALLE haben eine Meinung zu meiner Entscheidung.

Nicht, dass ich auch nur nach einer einzigen davon gefragt hätte. Worauf ich hinaus möchte, ist Folgendes: Es war meine freie Entscheidung, ich habe lange darüber nachgedacht, mich informiert und dein Kommentar wird meine Meinung über mein Tattoo nicht ändern. Es ist ja nicht so, als könnte ich es wie einen Haarschnitt einfach wieder loswerden.

Was ist aus „Leben und leben lassen“ geworden? In der heutigen Zeit sind sich die meisten Leute selbst der Nächste, aber wenn es ans Bewerten geht, sind alle ganz schnell dabei.

Meine Bitte an alle, die das hier irgendwann mal lesen: Wenn ihr nichts Nettes sagen könnt, sagt einfach gar nichts. Mich freut ein ernst gemeintes „Schön!“ mehr, als ein „Tolles Motiv, aber…“. Und ich bin sicher, dass das für jeden da draußen in jeder Situation auch gilt!

Fassen wir zusammen:

Nein, Du darfst das frisch gestochene Tattoo auch nicht mal kurz anfassen.

Nein, ich mache Dir ganz sicher kein Preisangebot für das verpixelte Handybild.

Nein, die Farbe unter meiner Haut macht mich nicht zu einem Zoo-Tier, also darfst Du den Starrer-Blick ruhig wieder abwenden.

Nein, ich will nicht wissen, wieso du dies oder das anders gemacht hättest.

Nein, mich interessiert nicht, ob ich dadurch auf deiner Skala gestiegen oder gesunken bin.

Nein, Finger weg! Warum muss ich das überhaupt sagen? Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass man niemanden ungefragt begrapscht? Wäre das Tattoo auf meinen Brüsten, würdest Du da ja auch nicht einfach hin packen, oder?

Ich würde mich immer wieder tätowieren lassen, das steht außer Frage. Was ich gern ändern würde, ist die Einstellung der Gesellschaft bezüglich Frauen im Allgemeinen und Frauen mit Tattoos im Besonderen.

Danke, dass ich hier meine Gedanken teilen durfte!

Titelbild: earsaregood


Über unsere Gastbloggerin Carina:

Ich bin 20 Jahre alt und studiere in Bonn Jura. Tattoos fand ich schon immer faszinierend, u.a. weil mein Vater selbst Farbe unter der Haut hat.

Sobald ich durfte, legte ich mich bei demselben Tätowierer unter die Nadel und ließ mir als erstes Tattoo den Rücken der Länge nach vollstechen.

Mein zweites Tattoo folgte im Dezember 2017 und es werden auf jeden Fall noch mehr.

Ich bin durch Zufall auf den Blog gestoßen und habe mich sofort festgelesen!

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